Schaufenster für ein modernes und nachhaltiges Brasilien
An den Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen und der Hannover Messe 2026 nimmt auch eine Delegation des Wirtschafts- und WissenschaftsZentrums Brasilien-Deutschland (WWZ-BD) teil, die vom Geschäftsführenden Vizepräsidenten des WWZ-BD und Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Blumenau-Niesel-Stiftung, Rechtsanwalt Hans-Dieter Beuthan, geleitet wird. Im Vorfeld dieser Veranstaltungen führten wir mit dem Botschafter Brasiliens in Deutschland, S.E. Herr Rodrigo de Lima Baena Soares, ein Interview, in dem er auch zur Rolle der Blumenau-Niesel-Stiftung und des WWZ-BD Stellung nimmt. Hier die deutsche Arbeitsübersetzung des Interviews, den Text des Originals finden Sie unter www.wwz-bd.de
Interview mit Seiner Exzellenz, dem Botschafter Brasiliens in Deutschland, Herrn Rodrigo de Lima Baena Soares
Sehr geehrter Herr Botschafter, Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe, der weltweit größten Industriemesse. Neben Präsident Luiz Inácio Lula da Silva werden auch zahlreiche hochrangige Wirtschaftsvertreter in Hannover erwartet. Welche Erwartungen haben Sie als brasilianischer Botschafter an die diesjährige Hannover Messe und insbesondere an die brasilianische Beteiligung?
Brasilien war 1980 das erste Partnerland der Hannover Messe, was zeigt, wie traditionell und solide die Verbindungen zwischen unseren Industrien sind. Wir verfügen über reichlich saubere Energie, Rohstoffe, Infrastruktur, eine diversifizierte industrielle Basis sowie qualifizierte Arbeitskräfte. Wir sind somit gut aufgestellt, um Deutschland und anderen Ländern bei der Dekarbonisierung ihrer energieintensiven Industrien zu helfen. Vor diesem Hintergrund wird der brasilianische Pavillon in drei miteinander verbundene Themenbereiche unterteilt: Automatisierung und Digitalisierung; Energie und industrielle Infrastruktur; sowie Forschung und Technologietransfer. Wir werden über eine Ausstellungsfläche von 2.600 m² verfügen, verteilt auf sechs Pavillons, mit 150 brasilianischen Ausstellern sowie rund 60 Start-ups. Im Mittelpunkt steht unsere wachsende Präsenz in den Bereichen Innovation, Digitalisierung und saubere Energie. Wir erwarten, dass die Hannover Messe 2026 ein Schaufenster für ein modernes und nachhaltiges Brasilien sein wird.
Parallel zur Hannover Messe finden die 42. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage statt. Wie jedes Jahr sind wichtige bilaterale Foren, wie die Sitzung der Gemischten Wirtschaftskommission und die Sitzung der Deutsch-Brasilianischen Initiative für Agrarwirtschaft und Innovation, Teil des Wirtschaftstreffens. Das WWZ-BD nimmt regelmäßig als Vertreter der kleinen und mittleren Unternehmen an diesen Treffen teil. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Themen dieser Diskussionen und Verhandlungen im Jahr 2026?
Die bilateralen Gespräche umfassen sehr unterschiedliche Themen: erneuerbare Energien, Klima und Innovation, Digitalisierung, Infrastruktur und Investitionen. Ein Schlüsselthema wird das Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) sein. Unternehmen und Fachkräfte aus Brasilien und Deutschland stehen seit der Kündigung des alten Abkommens durch Deutschland im Jahr 2005 vor Herausforderungen im Zusammenhang mit der Doppelbesteuerung, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sowie Privatpersonen. Wir haben kürzlich ähnliche Abkommen mit anderen Partnern geschlossen und sind offen für ein ausgewogenes Modell, das den Interessen beider Seiten gerecht wird und die Rechtssicherheit im Geschäftsleben erheblich erhöhen könnte. Ein weiteres zentrales Thema der Gespräche wird die bilaterale Zusammenarbeit bei kritischen Mineralien sein. Hier gibt es noch viel unerschlossenes Potenzial: Brasilien verfügt über bedeutende Vorkommen an Niob, Graphit und Seltenen Erden, die für Deutschland von großer Bedeutung sind. Wir wollen unseren bereits starken Bergbausektor auch im Bereich der kritischen Mineralien weiterentwickeln – und zwar auf nachhaltige Weise und im Rahmen eines ausgewogenen Modells, das lokalen Mehrwert beinhaltet.
Nach Uruguay und Argentinien hat auch Brasilien das Mercosur-Abkommen mit der EU ratifiziert. Ihr Land hat sich nachdrücklich für den Abschluss dieses Abkommens eingesetzt. Welche Bedeutung und welche Vorteile hat dieses Abkommen nach Ihrer Meinung als brasilianischer Botschafter?
Die vorläufige Anwendung des Abkommens durch die EU ist ein großer Schritt voran im Streben nach Diversifizierung und Widerstandsfähigkeit für beide Seiten in einem von Unvorhersehbarkeit geprägten internationalen Kontext. Es signalisiert der Welt, dass der Multilateralismus weiterhin stark ist. Wettbewerbsfähige Branchen in Brasilien werden von dem Abkommen profitieren, darunter Schuhe und Leder, Transportausrüstung, Nichteisenmetalle und Zellulose. Auch die europäische Industrie wird enorm profitieren: Brasilien wird aufgrund sinkender Einfuhrzölle bis 2040 weitere 8 Milliarden Euro an europäischen Industrieprodukten importieren, vor allem Maschinen und Ausrüstung. Diese technologische Modernisierung wird wiederum der gesamten brasilianischen Produktionskette zugutekommen und eine höhere Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen. Die brasilianische Luftfahrtindustrie beispielsweise könnte ihre Exporte steigern, indem sie europäische Komponenten zu günstigeren Preisen und Konditionen importiert. Mit Hilfe des Abkommens wird Brasilien zudem noch besser als Plattform für ausländische Direktinvestitionen in den Bereichen grüne Technologien und nachhaltige Industrie positioniert sein.
Das Wirtschafts- und WissenschaftsZentrum Brasilien-Deutschland engagiert sich seit über 25 Jahren für die Förderung der deutsch-brasilianischen Beziehungen in den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft, für den Technologietransfer sowie für die Kommunalpolitik zugunsten kleiner und mittlerer Unternehmen. Seit kurzem leistet auch die neu gegründete Stiftung Blumenau-Niesel einen Beitrag dazu, unter anderem durch die Förderung von Forschungsprojekten und den Austausch von Studierenden und Lehrenden. Welche Bedeutung messen Sie als Botschafter diesen Initiativen der Zivilgesellschaft für die Entwicklung der bilateralen Beziehungen zwischen unseren Ländern bei?
Dies ist eine Zeit des Lernens und der Anpassung auf internationaler Ebene, die eine Erneuerung und Stärkung der Partnerschaften erfordert. Das verlangt von uns, über den „Status quo“ und das „Business as usual“ hinauszudenken. Das gilt für unsere beiden Länder. Es gibt einen sehr regen Austausch zwischen unseren Wissensinstitutionen, Universitäten und Forschungszentren, der auf tiefen menschlichen Bindungen zwischen unseren Ländern beruht. Wir haben mehr als 170.000 brasilianische Staatsbürger in Deutschland, von denen viele im Wissens- und Innovationssektor tätig sind. In Brasilien leben mehr als 5 Millionen Menschen mit deutschen Wurzeln. Hervorzuheben ist zudem, dass wir viele grundlegende Werte teilen. Wir glauben an Demokratie, Menschenrechte und das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Diese Elemente bieten fruchtbaren Boden für Organisationen wie das Wirtschafts- und WissenschaftsZentrum Brasilien-Deutschland und die Blumenau-Niesel-Stiftung, die eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern spielen.
Über den Botschafter
Rodrigo de Lima Baena Soares wurde 1963 in Rio de Janeiro geboren und trat 1987 nach Abschluss der Diplomatenausbildung am Rio-Branco-Institut in den diplomatischen Dienst ein. Nach Abschluss eines Jurastudiums absolvierte er eine Spezialisierung in Internationalen Beziehungen an der American University in Washington sowie ein Postgraduiertenstudium in Öffentlicher Verwaltung an der ENA in Paris. Während seiner diplomatischen Laufbahn diente er an der Ständigen Vertretung Brasiliens bei den Vereinten Nationen sowie an den Botschaften in Assunción, Buenos Aires und Paris. Bevor er seinen Posten in Deutschland antrat, war er Botschafter in Maputo (2015-2018), Lima (2018-2021) und Moskau (2021-2025).
Foto: Brasilianische Botschaft